WELS, EFERDING, GRIESKIRCHEN. Während die Agenda 21 im ländlichen Raum boomt, ist in den Städten und städtisch strukturierten Gemeinden noble Zurückhaltung angesagt. Doch das zarte Pflänzchen gedeiht auch im Zentralraum immer prächtiger. Die Schwerpunkte der Agenda 21-Gemeinden in den Bezirken Wels-Land, Eferding und Grieskirchen liegen auf den Bereichen Soziales, Natur und Wirtschaft. Und mit der ersten Innenstadtagenda in Oberösterreich geht in Wels derzeit ein ganz besonderer Prozess über die Bühne.
Koits: „Agenda 21 ist bestens geeignet, um unsere wirtschaftlich starke Region langfristig abzusichern“
„Die Agenda 21 ist ein Instrumentarium, das Gemeinden und Regionen für die Planung und Entwicklung einer nachhaltigen Zukunft nützen können und daher bestens geeignet, um die Bedeutung der wirtschaftlich starken Region Wels-Eferding in jeder Hinsicht langfristig abzusichern“, stellt der Welser Bürgermeister und Obmann des Regionalforums Wels-Eferding, Dr. Peter Koits, fest. Das Besondere an der Agenda 21 ist, dass in den Entwicklungsprozess auch Bevölkerung und Fachleute eingebunden sind, die sich mit allen Themen, die die Lebensqualität betreffen, auseinandersetzen – Ökologie, Kultur, Soziales, Wirtschaft, Nahversorgung, Lebensraum, etc.
Entwicklungsschwerpunkte im Kommunalen oder Regionalen werden also nicht von Experten/innen oder der Politik alleine gesteuert, sondern sie finden einen starken Rückhalt in der Bevölkerung. „Die Identität zur Gemeinde beziehungsweise zur Region wird erhöht und mitgestaltet“, sagt Koits. „Das Regionalforum unterstützt diese zukunftsfähigen Entwicklungen.“
Humer: „Nachhaltigkeit und Beteiligung sollen in allen 444 oberösterreichischen Gemeinden Einzug halten“
Oberösterreichweit haben sich seit 1998 bereits mehr als 100 Gemeinden dem Netzwerk für Menschen, Ideen und Lebensräume angeschlossen. „Ein Ergebnis, auf das wir zu Recht stolz sein dürfen“, sagt DI Günther Humer, Leiter der bei der Oö. Akademie für Umwelt und Natur angesiedelten Agenda 21-Leitstelle. Das von Landesrat Rudi Anschober im Jahr 2004 initiierte 100-Gemeinden-Programm konnte bereits ein Dreivierteljahr vor Fristablauf (Ende 2009) erfüllt werden.
Für Humer ist der große Erfolg aber kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Immerhin schwebt ihm vor, dass in nicht allzu ferner Zukunft alle 444 oberösterreichischen Gemeinden Nachhaltigkeit und Beteiligung als fixe Bestandteile in ihre alltäglichen Entscheidungen und längerfristigen Planungen einfließen lassen.
Laut Evaluierung durch die Universität Linz lösen Agenda 21-Prozesse viele positive Effekte aus. Es werden Leute aktiviert, die bisher weniger engagiert waren, es werden Projekte und Initiativen gestartet, die es sonst nicht gegeben hätte und es weht generell ein frischer Wind durch die Gemeinden. Darüber hinaus entstehen in zwei Dritteln der Agenda 21-Gemeinden Kooperationen mit anderen Gemeinden.
Der Großteil der Agenda 21-Projekte dreht sich um die Themen Soziales, Ökologie und Ökonomie. Doch der vernetzte Ansatz ist fast überall spürbar und gebündelt. Als besonders aktiv hat sich in der Agenda 21 das Mühlviertel erwiesen. Noch nicht ganz so sehr in den Köpfen verankert ist die Idee der Agenda 21 hingegen im Zentralraum. „Hier haben wir sicherlich noch Nachholbedarf“, sagt Humer. „Aber wir sehen, dass das zarte Agenda 21-Pflänzchen auch in den Städten und städtisch strukturierten Gemeinden mittlerweile prächtig gedeiht.“
Pauzenberger: „Mein großer Wunsch ist der Aufbau eines regionalen Agenda-Netzwerkes“
Mag.a Agnes Pauzenberger ist in ihrer Funktion als Regionalmanagerin für Nachhaltigkeit und Umwelt für die Bezirke Wels, Wels-Land, Eferding und Grieskirchen zuständig. „Wir haben zwar nicht die Masse an Agenda 21-Gemeinden, dafür aber sehr interessante Projekte“, sagt sie. Schwerpunkte liegen auf den Bereichen Soziales, Natur und Wirtschaft. Im Folgenden einige ausgewählte Beispiele:
Pfarragenda Sattledt: Die Pfarre Sattledt ist eine Pfarre, die Tradition mit Weitblick verbindet. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass sie sich an der Agenda 21 beteiligt. Im Zuge des Agenda 21-Prozesses haben sich Teams gebildet, die sich um folgende fünf Themenbereiche kümmern: Neuzugezogene – Sorge um Einsame – Aufbau sinnvoller Freizeitgestaltung – Glaube mit Freude leben – Begegnungstreffen mit Migranten/innen. Für ihr Projekt „Gabenumfrage“ wurde die Pfarre Sattledt kürzlich mit dem Agenda 21-Zukunftspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet. Bei dieser Umfrage waren die Sattledter/innen im Vorjahr befragt worden, welche Talente und Fähigkeiten sie haben und wie sie diese in das pfarrliche Leben einbringen können.
Soziales Netzwerk Michaelnbach: Bei diesem Projekt werden Menschen gesucht, die Leistungen unentgeltlich anbieten und auch beanspruchen. Egal ob sie Einkäufe zustellen, Bücher vorlesen, im Haushalt helfen oder einfach nur zuhören, wenn Menschen Sorgen und Probleme haben. Dieses Soziale Netzwerk „Hand in Hand“ befindet sich gerade im Aufbau und will Nachbarschaftshilfe wieder forcieren und unterstützen,
Naturerlebnispfad Indianerdorf Natternbach: Besondere Schautafeln und ein neuer Ruheplatz entlang eines bestehenden Fußweges, der auch durch das Indianerdorf führt, helfen den Menschen, Pflanzen und ihre Wirkungsweise zu erkennen. Die Wahrnehmung wird so geschärft und ins Bewusstsein gerückt. Darüber hinaus ist die Errichtung eines Kräuter- und Blumengartens in Kooperation mit den Schulen und dem Kindergarten geplant. Der Naturerlebnispfad bettet sich wunderbar ins Indianerdorf ein, das jährlich rund 15.000 Besucher/innen anlockt.
Rasenschnittkompostierung Bad Wimsbach-Neydharting: Projektleiterin Mag.a Dr.in Erika Rokita hat gemeinsam mit der Freiwilligen Feuerwehr Bad Wimsbach-Neydharting einen Teil der Bäume der Kastanienallee mit Effektiven Mikroorganismen behandelt. Der gewünschte Erfolg blieb nicht aus: Die gemulchten und mit Effektiven Mikroorganismen behandelten Bäume waren wesentlich kräftiger und blieben länger belaubt. Mit dem Projekt wurden gleich zwei Fliegen auf einen Schlag erledigt. Zum einen wurde der Miniermottenbefall der Bäume auf rein biologische Art und Weise eingedämmt und zum zweiten wurde die Problematik der Zwischenlagerung des geruchsbelästigenden Rasenschnitts im Bereich des Sportplatzes gelöst.
Konsumenten/innenführer Prambachkirchen: Prambachkirchen hat einen Konsumenten/innenführer herausgegeben. Rund 100 Unternehmen stellen sich in der Broschüre vor, die im Rahmen der Zukunftsprofilpräsentation „zukunft.fest.feiern“ im Sommer vorigen Jahres präsentiert worden war. Gestärkt werden soll in erster Linie das Agenda 21-Prinzip der Nähe und Regionalität.
„Ich bin stolz darauf, dass sich in ‚meinen’ Gemeinden so viel tut“, sagt Pauzenberger. Bei der Veranstaltung „Agenda 21 zeigt Profil“ am 26. April in Linz werden mit Michaelnbach, Natternbach und Prambachkirchen gleich drei Gemeinden aus Pauzenbergers Einzugsgebiet ausgezeichnet. „Und dass mit Krenglbach die hundertste Agenda 21-Gemeinde in Oberösterreich aus dem Bezirk Wels-Land kommt, freut mich natürlich besonders.“ In Krenglbach werden derzeit viele bauliche Maßnahmen umgesetzt. Es wird Raum geschaffen und gestaltet, der mit Leben erfüllt werden will. So sollen sich im Kunst- und Kulturbereich viele neue Ideen und Initiativen entwickeln. Generell erhofft man sich in Krenglbach durch den Agenda 21-Prozess eine Stärkung des neu gestalteten Ortszentrums.
Ziel der Regionalmanagerin ist es natürlich, weitere Gemeinden für die Agenda 21 zu begeistern. In Tollet und Waizenkirchen ist ihr das schon gelungen. Mit weiteren Gemeinden befindet sich Pauzenberger in guten Gesprächen. Ihr großer Wunsch ist der Aufbau eines regionalen Agenda 21-Netzwerkes, das effizienten Austausch, wichtige fachliche Impulse, bleibende Motivation und Qualität für die einzelnen Gemeinden bringt. Besonders gespannt ist die Regionalmanagerin schon auf die pilothafte Welser Innenstadtagenda 21. „Da werden wir mit Sicherheit sehr viel lernen“, freut sie sich auf die kommende Aufgabe.
Koits: „Bei der Innenstadtagenda geht es um einen positiven Lösungsansatz“
Zum im Rahmen der Agenda 21 in die Wege geleiteten Projekts für die Welser Innenstadt stellt Bürgermeister Dr. Peter Koits fest, dass die Vorgangsweise in Workshops unter Einbindung verschiedener Magistratsabteilungen, der Leitstelle der Agenda 21 (Oö. Akademie für Umwelt und Natur) und initiativer Bürger/innen unter Federführung des Regionalmanagements Wels-Eferding aufbereitet worden sei. „Es wurde eine Entscheidungsgrundlage für die Stadt Wels erarbeitet, die den möglichen Nutzen und die notwendigen Voraussetzungen für den Erfolg beinhaltet“, sagt Koits. Den Auftrag, dass eine Innenstadtagenda 21 für Welser in Angriff genommen werden soll, hat der Stadtsenat gegeben. „Besonders erfreulich ist, dass es sich dabei um die erste Stadtteilagenda 21 in Oberösterreich handelt“, betont Koits. Der Prozess wird ebenfalls unter Bürger/innenbeteiligung umgesetzt und soll vor allem bei den bestehenden Ressourcen der Innenstadt ansetzen. „Die Bedürfnisse der verschiedensten Zielgruppen sollen aufgezeigt und entsprechende Lösungen entwickelt werden“, sagt Koits, dem es wichtig ist, beim Positiven anzusetzen. Die zentralen Fragestellungen lauten: Was hat die Innenstadt zu bieten? Worauf kann man aufbauen? Was kann man stärken? Welche Planungen kann man unterstützen und welche werden von den Bewohnern/innen auch befürwortet? „Jetzt geht es darum, die konkreten Schritte so schnell wie möglich zu erarbeiten und für deren Umsetzung zu sorgen“, sagt Koits. Am Samstag, 24. April, findet in den Welser Minoriten (13 bis 18 Uhr) die Auftaktveranstaltung „Zukunft gemeinsam gestalten“ statt.
Was ist Agenda 21?
Das Land Oberösterreich unterstützt mit dem Schwerpunkt Agenda 21 die Umsetzung von Zukunftsprozessen in Gemeinden und Regionen. Ziel ist die Sicherung und Verbesserung lokaler Lebensqualitäten für gegenwärtige und künftige Generationen. Bereits mehr als 100 oberösterreichische Gemeinden haben Agenda 21-Prozesse gestartet. Agenda 21 setzt auf Bürger/innenbeteiligung, Praxisnähe, Langfristigkeit, Überschaubarkeit, Ganzheitlichkeit und Partnerschaftlichkeit. Die Agenda 21 wurde im Jahr 1992 bei der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro als weltweites Programm für einen Kurswechsel in Richtung einer Nachhaltigen Entwicklung formuliert. Agenda kommt aus dem Lateinischen und meint „Was ist zu tun?“, 21 steht für ein lebenswertes 21. Jahrhundert.
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Letzte Änderung dieser Seite: 18.05.2012
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