Kinder forsten ein Waldstück wieder auf.

Multifunktionales Nahversorgungszentrum für St. Stefan-Afiesl


Das typisch ländliche Wirtshaus ist im Rückzug begriffen. Wie wichtig der Wirt als Institution für eine Gemeinde ist, zeigt sich oftmals erst, wenn das letzte Gasthaus im Ort seine Türen schließt. Als 2019 in der Gemeinde St. Stefan-Afiesl klar wurde, dass  das traditionsreiche Gasthaus Mayrwirt im Ort zusperren würde, nahm die Gemeinde gemeinsam mit engagierten BürgerInnen in einem Agenda 21-Projekt die Dinge selbst in die Hand.

Luftaufnahme des Gasthaus Mayrwirt

Wenn man andere kleinere ländliche Gemeinden betrachtet, so wiederholt sich ein Szenario immer wieder: Zuerst schließt der Nahversorger, dann der Wirt und zuletzt gibt es auch keine Bankstelle mehr. Gehen die verschiedenen Nahversorgungsstrukturen und wichtigen sozialen Treffpunkte verloren, bleiben leere Gebäude übrig und die Gemeinde verliert immer mehr an Lebensqualität. St. Stefan-Afiesl ist eine Gemeinde mit etwa 1100 EinwohnerInnen. 2017 ging der Nahversorger im Ort verloren. Als klar wurde, dass im Jahr 2019 auch das traditionsreiche Gasthaus Mayrwirt im Ort zusperren würde, wollte man nicht darauf warten wie es in Zukunft weitergehen soll, sondern hat sich entschlossen die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

BürgerInnen werden Teilhaber

In einem Agenda 21–Projekt entwickelte die Gemeinde St. Stefan-Afiesl eine Lösung um dem Verlorengehen der Nahversorgungsstrukturen und sozialen Treffpunkte entgegenzuwirken. Im Rahmen von Agenda 21-Intensivtagen wurden Ende Jänner 2019 ein Informationsabend und Zielgruppenworkshops mit Frauen, SeniorInnen, Vereinen, LandwirtInnen und jungen Menschen durchgeführt. Alle GemeindebürgerInnen sollten die Gelegenheit haben ihre Ideen und Vorstellungen für die Projekteinreichung für einen multifunktionalen, gastronomischen Treffpunkt einzubringen. Zudem wurde die Idee der Bürgergenossenschaft als Eigentümerin des Zentrums und Verpächter oder Betreiber vorgestellt und diskutiert. Ziel war es, auszuloten welche Formen von Nahversorgung, Gastronomie und sozialen Treffpunkten von den BewohnerInnen wirklich mitgetragen und gebraucht würden. In den darauffolgenden Monaten wurden die Ideen im Projektteam und in Arbeitsgruppen weiter vertieft um ein wirtschaftlich tragfähiges Modell zu entwickeln. Dieses präsentierte das Projektteam im Juli 2019 der Bevölkerung und startete gleichzeitig mit der Gründung der Bürgergenossenschaft.

Bürgergenossenschaft betreibt ein multifunktionales Nahversorgungszentrum

Durch die Gründung der Bürgergenossenschaft und die Beteiligung der verschiedenen Gruppen in der Gemeinde kann ein Rückhalt für das Projekt in der Bevölkerung erreicht werden. Dies ist wesentlich für das langfristige Gelingen des Projektes. Zudem werden Genossenschaften jährlich geprüft und zählen zu den sichersten Unternehmensformen.

Am Standort des ehemaligen Mayrwirtes entsteht derzeit ein multifunktionales Zentrum, bestehend aus einem Café, einem Gasthaus, einem Veranstaltungszentrum und einem Geschäft. Café und Gasthaus sollen als informeller Treffpunkt Einkehrmöglichkeiten bieten und als gemütlicher Ort zum Feiern dienen. Das Geschäft wird gemeinsam mit dem Café betrieben, soll aber darüber hinaus mit einem eigenen Zutrittssystem, sieben Tage die Woche die Versorgung mit den wichtigsten Gütern des täglichen Bedarfs und insbesondere mit regionalen und biologischen bäuerlichen Produkten ermöglichen. Das vielseitig nutzbare Veranstaltungszentrum bietet Platz für Veranstaltungen der Gemeinde und der Vereine, aber auch für Kulturveranstaltungen, Feste, Angebote für Jugendliche und SeniorInnen.

Die Bürgergenossenschaft hat die Immobilie Mayrwirt erworben und baut diese derzeit, mit der ehrenamtlichen Unterstützung zahlreicher Genossenschaftsmitglieder, zu diesem multifunktionellen Begegnungszentrum um. Daneben gibt es noch Projektgruppen die sich um die Umsetzungsbereiche Nahversorgung & Sortiment, Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Angebote für SeniorInnen kümmern. Weiters konnte eine Kooperation mit dem ARTEGRA Geschützte Werkstätte, einen Tochterunternehmen des ARCUS Sozialnetzwerks, aufgebaut werden. Diese wird das Zentrum pachten und es entstehen Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigung. Die Eröffnung ist im Juli 2020 geplant.

Das Projekt wurde im November 2019 mit dem ÖGUT-Umweltpreis in der Kategorie "Nachhaltige Gemeinde" ausgezeichnet.

Aktuelle Informationen zum Projekt (Geschichte, Genossenschaft, Finanzierung, laufende Aktivitäten, TV-Beiträge, Kontakte etc.) sind zu finden unter:

Bürgergenossenschaft Stefansplatzerl